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Seit drei Wochen campieren sie in der Westerländer Innenstadt

Leben mit den Punks

Foto: Nicole Lütke Der Brunnen an der Wilhelmine ist zum Wohnzimmer der Punks geworden, die seit Anfang des Monats auf die Insel gekommen sind.

Westerland. Es ist viel los an diesem Samstag in der Fußgängerzone: Die Touristen flanieren, schauen sich die Geschäfte an, essen Eis. Andere sind auf dem Weg zum Strand. Im Hintergrund wummert Musik, nicht laut, aber vernehmlich.

Nur auf den ersten Blick läuft es in der Fußgängerzone wie immer während der Saison. In den vergangenen Wochen hat sich Sylt verändert – die Punks sind auf die Insel gekommen und haben sich ihren Raum erobert. Sie campieren an der Wilhelmine und in der Friedrichstraße. Sie haben sich eingerichtet. Decken liegen herum, Flaschen, Isomatten – der Hausstand verpackt im Rucksack.

Touristen geben sich offen und tolerant
Ein Grüppchen hat sein Lager vor einem verwaisten Einkaufsmarkt am Anfang der Wilhelmstraße aufgeschlagen.
In Einkaufswagen haben sie ihre Habe verstaut. Schlafsäcke sind zu erkennen, diverse Taschen. Sie hocken auf einer Decke, vor sich verschiedene Becher – für Bier, Essen und anderes Zeug. Die Haare bunt, die Klamotten abgerissen. Sie machen lustige Sprüche und betteln die Menschen an, die an ihnen vorbeilaufen.

Vor allem die zahlreichen Teenager, offensichtlich auf Klassenfahrt, sind interessiert. Einige bleiben mit einem Punk auf der Bank sitzen. Für die Sylter und ihre Gäste hat die Gruppe nur warme Worte übrig. „Viele kommen zu uns und sind ganz freundlich.“ Dieser Mittag ist allenfalls eine Momentaufnahme – in der Tat geben sich die Menschen offen und tolerant. Der Hund, der zur Gruppe gehört läuft frei herum.

Weiter oben in der Friedrichstraße, zwischen dem Imbiss „Otto von Wurst“ und „New Yorker“, ist ein Geschäftshaus zu vermieten. Vor dem Gebäude „wohnt“ ein Pärchen. Ihren Platz haben sie mit einer grünen Sonnenschutzplane versehen, um sich vor der Sonne zu schützen. Auch sie haben ihre Habseligkeiten gut verstaut. Auch die beiden sind offen für Gespräche mit Passanten, sind sehr höflich. Ein Mann öffnet seine Bierflasche. „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, sagt er und lacht. Doch ist es wirklich so einfach?

Baden und betteln
Der nächste Tag: Kleine Grüppchen sitzen rund um den Brunnen an der Wilhelmine. Ein Mann liegt unweit des Brunnens. Er ist nur mit einer Sporthose bekleidet. Ein anderer, nackter Oberkörper, langer Bart, gefärbte Haare, ruft den Passanten zu: „Wollt ihr uns beschenken?“ Sein Rücken ist von der Sonne schon rot gefärbt. Auf dem Boden schläft ein jungen Mann, die Kapuze seiner Sweatshirt-Jacke tief ins Gesicht gezogen. Ein bisschen Privatsphäre an einem so öffentlichen Ort.
Im Brunnen wird zur gleichen Zeit ordentlich gebadet. Eine junge Frau springt ins Wasser, das über den Brunnenrand schwappt und in die Fußgängerzone läuft. Ein Mann sitzt in einem aufblasbaren Einhorn und lässt sich treiben. Die am Boden Liegenden sind ungerührt. Schlafen sie? Sind sie betrunken?

Besorgte Geschäftsleute
In den Cafés, die direkt am Geschehen liegen, läuft das Sommergeschäft. Gäste sitzen draußen an den Tischen, beobachten die Szenerie. Einige lachen, einige schütteln den Kopf. Sie lassen es sich nicht nehmen, ihren Kaffee zu trinken, Eis oder eine Pizza zu essen.

Karl Max Hellner, Vorsitzender der Sylter Unternehmer, weiß um die Sorgen einiger Geschäftsleute. Die aktuelle Situation beeinträchtigt das Sommergeschäft – Einnahmeausfälle werden befürchtet. „Der eine oder andere könnte finanzielle Probleme bekommen.“

Die Unternehmer sind zwar häufig mit der Gemeinde in Gesprächen, aber passiert ist wenig. „Die Gemeinde verweist auf das Ordnungsamt und die Polizei. Uns sind die Hände gebunden.“ Es ist frustrierend, sagt Hellner, dass einfach nichts vorangeht. „Wir müssen irgendwie mit der Situation zurechtkommen. Wie gesagt, es ist frustrierend.“
Die Polizei rückt an, hält vor dem Café „Mio“. Kurzes Gespräch mit den Punks und weg sind sie. Einige Touristen fragen sich, warum die Ordnungshüter nicht härter durchgreifen. Viele Gespräche sind am Rande zu hören: Soll man die Punks vertreiben? Muss man sie tolerieren wie in anderen Städten?
„Wir beobachten die Situation in der Westerländer Innenstadt und überprüfen, was passiert. Natürlich gehen wir jedem Hinweis nach, der von den Bürgern kommt“, sagt Dieter Johannsen, Erster Polizeihauptkommissar und Chef der Sylter Polizei. Die Beamten, so Johannsen, fahren regelmäßig durch die Fußgängerzone und zeigen dort Präsenz.

Party-Touristen unter den „neuen Gästen“
Am Wochenende gesellen sich noch die Party-Touristen zu den „neuen Gästen“. Man erkennt die jungen Männer an den Bierkisten, die sie durch Westerland schleppen. Es sind mehr Punks vor Ort als unter der Woche. Ansonsten könnte man sagen: Business als usual. Der Brunnen dient wieder als Schwimmbad, jeder Bauchklatscher wird bejubelt. Das Wasser riecht schon ein bisschen schal. Müll liegt herum, die Reste einer Wassermelone zieren einen Müllbehälter. Lautes Hundegebellen schallt durch die Straßen und mischt sich mit der Werbung der Rossmann-Filiale, die gerade eröffnet hat.
Punks liegen herum, sitzen um den Brunnen. Partystimmung. Zwei Männer schieben einen Einkaufswagen mit Dosen und Flaschen zum Einkaufsmarkt. Immerhin, das bringt Geld und das Leergut bleibt nicht liegen. Gebettelt wird trotzdem. Touristen, die kein Geld geben möchten, bekommen auch schon mal einen Spruch hinterhergerufen. „Dich soll der Blitz beim Sch**** treffen.“
Weiter unten in der Wilhelmstraße sitzt eine kleine Gruppe ganz entspannt in der Nähe des „Mio“. Es wird um Geld gebeten. „Fragen kostet ja nix.“ Diese Truppe versucht, sich von den Party-Punks ein bisschen fernzuhalten. „Wir wollen keinen Krawall.“

Keine polizeilichen Befugnisse
Für Gesprächsstoff sorgen die Punks auf jeden Fall: Menschen bleiben stehen, machen Fotos und schauen sich das Treiben eine Zeitlang an. Manche suchen bewusst das Gespräch. Drei junge Männer, die an ihren T-Shirts als „Stadtlotsen“ zu erkennen sind, kommen zum Wilhelminen-Brunnen. Sie schnacken kurz mit einem Mann aus der Gruppe. Mehr als reden können sie nicht.
Bürgermeister Nikolas Häckel erklärt auf Anfrage, dass der Außendienst des Ordnungsamtes ergänzt wird, eben dieser Ordnungsdienst aber keinerlei polizeiliche Befugnisse hat. „Die Gemeinde Sylt hat ordnungsbehördlich so gut wie keine Möglichkeiten, gegen die Punks vorzugehen“, teilt Häckel mit. Nur, wenn sie den „zulässigen Gemeingebrauch überschreiten“. In diesen Fällen muss die Polizei eingreifen.

Öffentliche Straßen und Pläzte gehören rechtlich zum „Gemeingebrauch“ und können von jedem Menschen benutzt werden, ohne dass es dafür eine besondere Zustimmung braucht.
Von Passanten wird kritisiert, dass einige der mitgebrachten Hunde frei in der Fußgängerzone umherlaufen und nicht angeleint sind. „Polizei, Ordnungsamt und Sicherheitsdienst weisen schon auf das Anleinen hin – durchsetzen kann das nur die Polizei“, erklärt Häckel dazu. In einem Punkt wird die Gemeinde in dieser Woche durchgreifen: Der Brunnen wird abgesperrt und das Wasser abgelassen.

Ob die Punks gekommen sind, um zu bleiben, wird man sehen. Vieles wird davon abhängen, ob es zu Straftaten oder Gewalt kommt. Eine neue Entwicklung könnte es am 30. Juli geben – an diesem Tag hat die rechte Gruppierung „Die Rechte“ eine Demonstration angemeldet.


Geschrieben von: Nicole Lütke / veröffentlicht am: 21.06.2022
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