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Die „Sylter Zeitung“ im Gespräch mit Pastor Simon Ulrich

Hoffnung und ein Gefühl von Frieden

Foto: Frank Berno Timm In Corona-Zeiten müssen Interviews schon mal über den Computer geführt werden.

Insel Sylt. Warum feiern Christen Weihnachten? Und was haben die allgemeinen Weihnachtstraditionen eigentlich mit dem christlichen Glauben zu tun? Darüber kam die „Sylter Zeitung“ mit dem Westerländer Pastor Simon Ulrich ins Gespräch. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter Frank Berno Timm.

Herr Pastor Ulrich, ich beobachte in meiner persönlichen Umgebung immer mal Menschen, die selbst im Oktober schon von „Weihnachtsstimmung“ sprechen. Ist denn mit dem Begriff „Stimmung“ das, was Weihnachten umfasst, ausreichend umschrieben?
Ja, denn es geht um das Gefühl. Das ist genau der Kern, die Idee von Weihnachten. Zuversicht, Hoffnung, Wärme, die ganzen Lichtbilder und -gedanken sind sehr gefühlsorientiert. Und wenn wir versuchen wollen, diese Gefühle zu umschreiben, brauchen wir eben viele Bilder. Das Weihnachtsgeschehen ist tief in der Gefühlswelt verankert. Ich finde es schwierig, dies rein verstandesorientiert zu beschreiben.

Ist es denn überhaupt verstandesorientiert zu erklären?
Wahrscheinlich eigentlich nicht. Ich versuche zwar, auch Gefühle und Hoffnungen mit dem Verstand zu beschreiben. Aber Weihnachten erzählt davon, dass der allmächtige Gott sich uns als Menschensohn offenbart, als kleines und schutzbedürftiges Kind, das in ärmliche Verhältnisse geboren wird. Diese Offenbarung widerspricht allen Vernunftmöglichkeiten. Gerade das macht aber, glaube ich, Weihnachten so stark. Ich kann versuchen, die Widersprüche als Verstärkung zu erklären: Dass Gott sich all seiner Macht entledigt, verstärkt den Eindruck seiner Souveränität gegenüber menschlichen Vorstellungen und zeigt sein Anderssein.

Das hört sich für den Nicht-Theologen sehr abstrakt an…
… Ich nehme einfach ein Bild und lasse es in mir zur Stimmung werden: Gott wird Mensch, verletzbar, schwach, hungrig. Er erlebt alles – bis hin zum Tod – als Mensch und weiß also genau, wie es sich anfühlt, Mensch zu sein; Hunger zu haben, traurig zu sein, Liebeskummer zu empfinden, stolz zu sein oder verunsichert. Ich erkenne sein Gleich-Sein. So spüre ich einen tröstenden Gott, der gerade dann da ist, wenn es mir schwer ist. Einen, der mir Mut macht und sagt ,Fürchte Dich nicht‘.
Was entsteht daraus für Sie?
Daraus entsteht Hoffnung und ein Gefühl von Frieden in mir. Und da wir alle Jahre wieder daran erinnert werden und wissen, dass dieser Zuspruch wieder kommen wird – egal, in welcher Lebenslage ich mich in diesem Jahr zu Weihnachten gerade befinden werde –, entwickeln wir vielleicht eine Vorfreude aus diesem Wissen. So kann es auch sein, dass wir schon ganz früh im Jahr in eine Art Weihnachtsstimmung kommen, weil das Gefühl der – verlässlichen – Vorfreude etwas ganz Schönes und Warmes ist. Es ist nie unangemessen zu irgendeiner Jahreszeit.

Es droht ja ein bisschen die Gefahr, dass Weihnachten ziemlich einsam und allein gefeiert werden muss. Was machen wir denn da?
Es ist sicherlich anders, als wir das sonst kennen, es wird nicht die großen Familienzusammenkünfte geben, die vollen Gottesdienste oder das Gedränge auf den Straßen wegen des Weihnachtsmarkts. Es wird trotzdem möglich sein, sich diesen Hoffnungszuspruch zu geben. Vielleicht in einem Telefonat, vielleicht auch ohne Worte. Wir müssen in diesem Jahr lernen, auf andere Weise Liebe und Aufmerksamkeit auszudrücken. Ich glaube, wir können das.

Was macht Sie so sicher?
Das Schöne ist ja, dass wir uns angeübt haben, viele verschiedene Facetten in unseren Weihnachtsritualen zu finden, die dazu beitragen, dass wir uns selbst in so eine weihnachtliche Stimmung bringen. Die Herausforderung dieser Zeit unterstreicht für mich nochmals die zeitlose Wichtigkeit der Weihnachtsbotschaft ,Fürchte Dich nicht‘. Die höre ich in diesem Jahr besonders deutlich. Wir dürfen hoffen, auch wenn wir uns gerade gar nicht danach fühlen. Auch in der Weihnachtsgeschichte spricht Gott dies den Menschen in einer unmöglichen Situation zu – am allerletzten Ort, den sie sich für den Erhalt einer frohen Botschaft ausgedacht hätten. Und er spricht dies den komischsten Gestalten zu – denjenigen, die nicht einmal von sich selbst geglaubt hätten, dass ihnen mal etwas Gutes passieren könnte.

Der Theologensohn weiß: Für Pastoren ist Weihnachten anstrengend, wenig erholsam. Was bedeutet für Sie selbst, für Sie persönlich Weihnachten?
Für mich gibt es da keine großen Unterschiede zwischen dem, was ich anderen Menschen erzähle und dem, was für mich wichtig ist. Die Botschaft von Gottes Liebe und seinem Frieden, die Ermutigung zur Hoffnung gilt ja auch mir und meiner Familie. Sicherlich gibt es ruhigere Zeiten für Pastoren als die Weihnachtszeit. Aber solche Ausnahmezeiten gibt es in vielen Berufen und Lebenssituationen. Die Aufgabe, Menschen in schweren Zeiten die frohe Botschaft von Jesu Geburt und Hoffnung zu verkündigen, nehme ich gerne an und ich freue mich sowohl auf das berufliche als auch auf das private Weihnachten-Feiern.
Und was bedeutet es für Ihre Familie?
Ich glaube, dass die größere Belastung bei meiner Familie liegt. Unsere Kinder müssen zum Beispiel deutlich länger auf die gemeinsame Bescherung warten. Sie finden es aber eigentlich auch schlimmer, dass sie ihre Großeltern nicht treffen werden und dass sie nicht genau wissen, wann so etwas wie ein großes Familientreffen wieder möglich sein wird. Diese private Ungewissheit findet sich natürlich auch im beruflichen Bereich.

Was bedeutet das Weihnachtsfest 2020 für die evangelische Kirchengemeinde Westerland?
Als Kirchengemeinde wissen wir gerade nicht, ob das, was wir an Gottesdiensten anbieten können, wenig ist für die vielen Menschen die trotzdem kommen wollen. Oder ob wir mit unserem Angebot allein sitzen und die Leute sagen: Wir wollen das Risiko lieber nicht eingehen. Wir wollen gerne Angebote für möglichst viele, unterschiedliche Bedürfnisse bieten und die Menschen dort erreichen, wo sie sein mögen. Das ist natürlich auch anstrengend und herausfordernd. Aber ich bin mir sicher, dass sich die Mühe lohnt.
Wenn ich in den Gottesdiensten drinnen und draußen den Verkündigungsengel zitiere und sage ,Fürchtet euch nicht!‘, dann wird das in diesem Jahr bestimmt eine besondere Note haben. Vielleicht stellt sich ja dann schon mein diesjähriges Weihnachtszufriedenheitsgefühl ein.


Veröffentlicht am: 23.12.2020
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