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Demonstration „Geburten gehören auf die Insel“ vor dem Rathaus

Erst den Hebammen-Notdienst sichern

Foto: Peter Marnitz Viele Sylter waren zu der Demonstration auf dem Rathausplatz gekommen. Am Mikrofon: Bürgermeister Nikolas Häckel.

Insel Sylt. Bosse, die Hauptperson an diesem Dienstagabend, hielt sich buchstäblich bedeckt. Gerade einen Monat alt, schlief der kleine Junge friedlich in seinem Kinderwagen, während Eltern, Großeltern, Politiker, Hebammen und der Sylter Bürgermeister erst einmal mit Worten dafür kämpften, anderen Sylter Kindern Bosses abenteuerliche Geburtsbedingungen zu ersparen. Der jetzt äußerst entspannt wirkende Jung-Sylter war auf den schwankenden Planken eines Seenotrettungskreuzers zur Welt gekommen.
Unter dem Motto „Geburten gehören auf die Insel“ hatten Bosses Großvater Michael Müller und Lars Schmidt als Chef der „Zukunft“-Fraktion in der Gemeindevertretung zu einer Demonstration und Kundgebung vor dem Rathaus eingeladen. Mit den vom Veranstalter geschätzten rund 150 Teilnehmern, die sich Corona-gemäß auf dem Vorplatz verteilten, hatten die beiden angerückten Polizisten nicht viel zu tun.

Lebhaft ging es dagegen am improvisierten Rednerpult vor dem Rathausportal zu. Ob Hebammen, andere betroffene Mütter, Großvater Müller, Lars Schmidt oder Nikolas Häckel – alle waren sich einig in der Haltung, dass es keine Notfälle wie bei Bosse für werdende Mütter auf der Insel mehr geben darf. Viel Beifall erhielten auch die Forderungen, die am 1. Januar 2014 geschlossene Geburtsstation der Nordsee-Klinik wieder zu eröffnen. Vor allen Dingen Lars Schmidt war es, der sich für einen Neustart der Geburtenstation auf der Insel stark machte. Er wies auch darauf hin, dass die Auslagerung von medizinisch betreuten Geburten auf das Festland kein Einzelproblem Sylts ist. Zeitgleich fand auch auf Föhr eine Kundgebung unter demselben Motto statt. Auch dort sei eine funktionierende Geburtsstation aus ökonomischen Gründen geschlossen worden.

Für Bürgermeister Nikolas Häckel, der gern der Einladung zur Kundgebung gefolgt war, stehen erst einmal ganz naheliegende Probleme im Vordergrund. Er berichtete davon, dass die Insel ab dem 1. Juli ohne den bisher zuverlässig funktionierenden Hebammen-Notdienst dastehen könne, wenn nicht bis zu diesem Termin eine Einigung erzielt werde.

Hintergrund sind Dissonanzen zwischen dem Hebammenverband Schleswig-Holstein, vertreten durch deren Vorsitzende Anke Bertram, und den bisher am Notdienst teilnehmenden Sylter Hebammen. Kenner der Szene berichten, dass zwischen der auch auf Sylt arbeitenden Verbandsvorsitzenden und ihren Sylter Berufskolleginnen seit Jahren Schweigen herrsche. Es bestehe, so wird berichtet, Uneinigkeit über die rechtliche Ausgestaltung des Notdienstes. Da alle beteiligten Hebammen zumindest das Ziel der Demonstration, sichere Geburtsmöglichkeiten für Sylter Mütter, teilen, ergab sich ein ungeplantes Zusammentreffen vor dem Rathaus. Dabei wurde auch das langanhaltende Schweigen gebrochen und es kam ein erstes Gespräch in Gang. Eine der beteiligten Hebammen ließ nach dem Treffen durchblicken, dass man die werdenden Mütter nicht im Regen stehen lassen wolle. Zumindest bei der Geburt des kleinen Bosse auf dem Seenotrettungskreuzer sorgte die fachkundige Hilfe einer Hebamme für eine sichere Geburt. In seinem Beitrag berichtete Bürgermeister Häckel von Gesprächen mit der Nordseeklinik. Dort könne man sich nicht erklären, warum Schwangere in ähnlichen Notfällen nicht dort behandelt worden seien. Um für solche Fälle eine sicher organisierte Lösung zu finden, arbeite der Bürgermeister eng mit dem Sozialausschuss der Gemeindevertretung und seinem Vorsitzenden Eberhard Eberle zusammen. Der SPD-Politiker, der auch an der Kundgebung teilnahm, versprach, das Ziel sicherer Geburten für Sylterinnen weiter vehement zu verfolgen.

Auch ohne spektakuläre Geburtsumstände werde für Sylter Familien das „frohe Ereignis“ durch das aktuelle System, bei dem werdende Mütter zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin die Insel verlassen müssen, oftmals zum traumatischen Erlebnis. Davon berichtete mit bewegten Worten eine Mutter, die dafür viel zustimmenden Beifall erhielt. Für den Einlader, Bosses Großvater, der von der glücklichen Geburt seiner Tochter vor 26 Jahren in der Nordseeklinik berichtete, bleibt das Motto der Demonstration weiter aktuell: „Geburten gehören auf die Insel!“ Deshalb soll die Kundgebung vor dem Rathaus nicht die letzte Etappe auf dem Weg zu diesem Ziel gewesen sein. Bosse hat die bewegten Worte in seinem Kinderwagen übrigens unbeeindruckt verschlafen.

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