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In Lockdown-Zeiten wird die Sylter Tafel stärker in Anspruch genommen

Die Nachfrage ist doppelt so hoch

Foto: os Von links: Heike Barten, Werner Thalemann, Anja Fuhrmann, Helga Ahlborn und Georg Falkner. Sie gehören zu dem Team, das donnerstags in der katholischen Kirche in Westerland Lebensmittel verteilt.

Von Oliver Sippel

Westerland. An kaum einer anderen Stelle sorgte die Corona-Krise für eine derart gegensätzliche Entwicklung wie bei den bundesweiten Tafeln: Während Lockdown und Kurzarbeit dafür sorgten, dass immer mehr Menschen unverschuldet in finanzielle Not gerieten und kostenlose Lebensmittel dringend nötig hatten, mussten bundesweit fast alle Tafeln in dieser Zeit ihre Arbeit einstellen. Eine der wenigen Ausnahmen findet sich auf Sylt: „Wir haben keinen Moment mit dem Gedanken gespielt aufzuhören“, erinnert sich Dörte Lindner-Schmidt, Vorsitzende der Sylter Tafel. „Allen Helfern war freigestellt, ob sie uns in dieser Zeit weiter unterstützen. Nicht einer hat sich dagegen entschieden.“

Blieb nur die Frage, wie genau es weitergehen sollte. In normalen Zeiten kommen rund 50 Sylter zu jeder Ausgabe und stehen mehr oder weniger dicht gedrängt vor den Ausgabetischen, um sich die gewünschten Lebensmittel auszusuchen. Anschließend steht oder sitzt man noch eine Weile beieinander, tauscht Lebensmittel oder tauscht sich aus, es gibt Kaffee und Kuchen. „Uns war klar, dass wir so nicht weitermachen können – zumal die Besucherzahlen sich während des Lockdowns fast verdoppelt haben.“ Also wurde auf das beliebte Café nach der Ausgabe verzichtet, und anstatt freier Auswahl gab es fertig gepackte Taschen.

Für die Mitarbeiter der Sylter Tafel eine zusätzliche Belastung: Rund 100 Taschen müssen vor jeder Ausgabe gepackt werden, die eine Hälfte enthält Obst und Gemüse, die andere Hälfte Wurst, Käse und Joghurt. Zwischendurch gab es coronabedingt auch etwas Abwechslung in den Taschen: „Weil Hotels und Restaurants ihre Lager leeren mussten, bekamen wir während der Lockdowns viel mehr hochwertige Waren und Dinge, die wir sonst eher selten bekommen“, berichtet Lindner-Schmidt. „Über Ostern haben wir beispielsweise mehr Eier bekommen als wir verteilen konnten.“
Etwa zwei Stunden ist das Tafel-Team damit beschäftigt, alle Taschen zu packen, bevor um 13 Uhr die Ausgabe beginnt. Mittlerweile hat die Sylter Tafel auf Kosten der Gemeinde Sylt eine Bleibe am Geschwister-Scholl-Weg gefunden. Donnerstags findet die Ausgabe aber nach wie vor in den Räumen der katholischen Kirche an der Elisabethstraße statt. Während des Lockdowns kam das Team fast an die Grenzen seiner Kapazitäten: „Die Schlange zog sich fast bis zur Friedrichstraße“, erinnert sich die Vorsitzende. „Unglaublich, was unsere Mitarbeiter in dieser Zeit geleistet haben.“
Dementsprechend hoch war auch der Andrang vor der Tür, den Werner Thalemann aber zu kanalisieren wusste: „Im Prinzip ist es wie an der Supermarktkasse – hier und da ist mal ein Drängler dazwischen, den ich an die Abstandsregeln erinnern muss. Aber in der Regel wissen sich alle zu benehmen.“ Regelmäßig schauten Polizei und Ordnungsamt vorbei, „aber immer mit wohlwollenden Absichten“, wirft Lindner-Schmidt ein. „Insgesamt haben wir von der Gemeinde Sylt viel Unterstützung erfahren. Bürgermeister Nikolas Häckel hat regelmäßig angerufen und uns gefragt, ob wir irgendetwas benötigen.“

Wenn es über die Wintermonate kälter wird, wird es noch einmal herausfordernd für die Sylter Tafel und ihre Besucher. „Die Bundestafel hat Bereitschaft signalisiert, Heizpilze zu finanzieren“, berichtet die Lindner-Schmidt. „Ich befürchte aber, dass sich dann alle unter den Heizpilz drängen – gerade das wollen wir ja vermeiden.“ Gerne würde sie wieder kleineren Gruppen den Zutritt erlauben und ihnen ermöglichen, sich ihre Waren im Warmen auszusuchen, „aber dann müssten die anderen draußen umso länger warten.“ Gerade den Menschen, die auf kostenlose Lebensmittel angewiesen sind, fehlt es oft auch an wärmender Kleidung. „Darum arbeiten wir ganz eng mit der Kleiderkammer der Arbeiterwohlfahrt am Geschwister-Scholl-Weg zusammen. Dort können sich alle, die nichts Warmes zum Anziehen haben, etwas besorgen.“

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