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Über den Start der Modellregion und Zukunftsperspektiven für die Insel – mit Peter Douven im Gespräch

Basis für regulierte Sommersaison

Foto: ISTS

Insel Sylt. Vor einer Woche startete die Modellregion Tourismus auf der Insel. Was zunächst als Modellregion ausschließlich für Sylt projektiert war, ging später in der Modellregion Nordfriesland auf. Wie ist dieser Modellversuch, der bundesweit auf ein starkes Medieninteresse stieß, in den letzten Tagen in die Luft gekommen? Oder muss er schon in den nächsten Tagen wieder außerplanmäßig landen? Wie wird sich die Saison auf Sylt entwickeln? Wie der Luftverkehr von uns nach Sylt? Unser Redaktionsmitglied Heiko Wiegand ist mit dem Geschäftsführer des Insel Sylt Tourismus-Service, Peter Douven, ins Gespräch gekommen. Douven ist darüber hinaus auch Geschäftsführer der Flughafen Sylt GmbH.

Herr Douven, unser Land hat sich in den vergangenen Monaten nicht gerade als Organisationsweltmeister präsentiert. Erst das Chaos bei der Bestellung der Impfdosen zu Jahresbeginn, dann der Osterlockdown, der eine Halbwertszeit von einer Nacht hatte. Ministerpräsidenten waren sich in Dauerschleife nicht einig und Karl Lauterbach hat allzu oft recht behalten. Haben Sie sich vor diesem Hintergrund um die Saison auf Sylt gesorgt?
Wir haben uns in Deutschland unglaublich schwer getan. Wir sind mehr ein Debattierclub als eine handlungsfähige Einheit. Im Debattieren sind wir ganz groß, im Handeln sind wir ziemlich zurückhaltend. Daraus resultieren dann schon Sorgen, definitiv.

Es war schon relativ früh absehbar, dass das Impfen uns für die Saison erst sehr spät helfen kann. Wenn wir dann noch das föderale Handeln dazu nehmen, das in der Pandemie auch nicht immer ein Vorteil war, dann entsteht eine zusätzliche Unsicherheit. Daraus vernünftige Handlungen abzuleiten – das hat enorm lange gedauert. Eine mögliche Handlung ist ja tatsächlich ein Modellprojekt, wie wir es hier gemacht haben. Nicht wie im Saarland, wo man großzügig alles aufgemacht hat, sondern gemeinsam mit dem Kreis Nordfriesland, in einer guten Zusammenarbeit. Da bin ich zu der Überzeugung gekommen, damit kann man‘s machen, damit kann man‘s versuchen. Mit dem Thema Sicherheit im Vordergund. Sonst wird‘s ganz schnell unkontrolliert. Es ist ein legitimer Versuch. Solche Ansätze, mit einem entsprechenden Regelwerk im Hintergrund, die hätte es eigentlich nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern im ganzen Bundesgebiet eher geben können.

Warum hat das in anderen Teilen Deutschlands nicht geklappt?
Es gibt gesellschaftlich die Tendenz, dass alles, was erdacht wird, um es umzusetzen, erstmal bis in die Basis diskutiert werden muss, bis es umgesetzt wird. Das ist ja ein grundsätzlicher Trend. Das ist hinderlich und kontraproduktiv. In der Pandemie sind diese ewigen Debattierclubs ein riesiger Nachteil. Stringentes Handeln sieht anders aus.

Welche Vorwürfe machen Sie der Politik konkret?
Der Bund hätte sehr viel nüchterner gegenüber dem Tourismus als Teilmarkt reagieren müssen. Denn das RKI hat relativ früh in einem Beratungspapier an die Bundesregierung geclustert dargestellt, wo die Infektionsrisiken sind. Und die waren nicht im Bereich der Übernachtungen des Tourismus, definitiv nicht. Das war wirklich stark nachrangig. Was dann kam, war, dass die Bundesregierung dieses Schreiben des RKI nicht mehr zur Grundlage der eigenen Entscheidungen gemacht hat. In dem Papier stand drin, die Übernachtungen im Tourismus sind weniger risikoreich als die Gastronomie im Tourismus. Faktisch ist das Gegenteil passiert. Sorry, wofür habe ich wissenschaftliche Beratung? Die macht ihre Aussagen an der Analyse von Zahlen fest. Und dann wird in der Politik anders gehandelt. Das ist absurd!

Nun geht es doch deutlich kontrollierter los als im Mai vergangenen Jahres. Die Modellregion scheint dafür zu sorgen, dass der Ansturm in Grenzen bleibt. Die Hotelauslastung liegt dem Vernehmen nach bei 50 bis 60 Prozent. Sind das auch Ihre Erfahrungen?
Ganz eindeutig ja. Das waren auch unsere Erwartungen. Durch die Auflagen sind weder Gastgeber noch Gäste komplett an den Start gegangen. Es war klar, dass die Modellregion für beide Seiten zu Eingrenzungen führen wird. Aber es war auch gewollt, weil wir nicht gleich mit Volllast in den Modellversuch einsteigen wollten…

…Die Reaktion war also erwartet?
Sie war erwartet und ist erwünscht.

Wie bewerten Sie den weiteren Verlauf der Saison vom heutigen Tage ab aus Ihrer Sicht?
Ich versuche, an Prognosen mit viel Pragmatismus und Vorsicht ranzugehen. Sylt ohne Regeln zu öffnen, würde bedeuten, dass wir aufgrund fehlender Alternativen in kürzester Zeit voll laufen. Das hielte ich für ein wirkliches Problem, denn noch ist die Pandemie nicht überwunden. Bis die Herdenimmunität erreicht wird, werden noch ein paar Monate vergehen. Das Risiko wäre zu groß. Insofern glaube ich, wir starten gut. Wir haben eine realistische Chance, mit dem Modellprojekt durchzukommen und hoffentlich dann einen normalen Juni zu erleben, der ja tatsächlich immer ein durchschanittlich ausgelasteter Monat war. Wenn das gelingt – weiter schaue ich noch nicht in die Glaskugel hinein – dann haben wir, glaube ich, eine gute Basis für eine regulierte Sommersaison. Keine normale, sondern eine regulierte Sommersaison.

Sie werden also nicht prognostizieren wollen, wann diese Insel endgültig aus der Pandemie raus ist?
Nein, das werde ich ganz sicher nicht prognostizieren. Ich vermute aber, dass wir lernen werden, damit umzugehen. Und wir werden feststellen, dass wir uns mit den Mutationen noch längere Zeit auseinandersetzen müssen. Aber ich habe auch die laienhafte Hoffnung, dass es nicht mehr so schlimm werden wird, wie wir es hinter uns haben. Weil wir auch gelernt haben. Weil wir damit umgehen. Und weil Impfungen funktionieren. Und die nehmen zu. Insofern glaube ich, dass das Ganze nicht verschwindet, aber beherrschbar wird.

Rechnen Sie mit Insolvenzen auf der Insel nach mehr als 14 Monaten Pandemie?
Ich weiß von anstehenden Insolvenzen nichts. Aber das Schlimmste kann durch eine halbwegs anlaufende Saison auch abgewendet werden. Es wird Einzelfälle geben, das glaube ich schon. Aber ich glaube auch, dass wir als Insel besser wegkommen werden als die Summe der Gesamtwirtschaft. Es wird nicht katastrophal werden. Für die Gesamtwirtschaft wird es ebenso wenig zur Katastrophe kommen wir für die Insel. Davon bin ich überzeugt.

Als Geschäftsführer der Flughafen Sylt GmbH haben Sie auch den Luftverkehr im Auge. Welche Prognose können Sie da für die Insel stellen – und als Rahmen vielleicht zunächst auf Bundesebene?
Vom Großen zum Kleinen. Ich vermute mal, dass der Luftverkehr nach der Pandemie ein anderer sein wird als vor der Pandemie, auch längerfristig. Mit dieser Prognose stehe ich nicht allein da. Der Urlaubsreiseverkehr wird sich erholen. Denn die Menschen wollen auf Urlaub nicht verzichten. Die Veränderung wird sich mehr im geschäftlichen Bereich vollziehen. Denn der innerdeutsche Verkehr war zu großen Teilen geprägt durch den Geschäftsreiseverkehr zwischen den Metropolen. Das wird sich nach der Pandemie mit Sicherheit deutlich verändern, denn viele haben gelernt, dass es auch anders funktioniert, bis hin zu den digitalen Konferenzen.

Was bedeutet das konkret für den Flughafen Sylt?
Unser Flughafen wird sich von dieser Entwicklung ein Stück weit loskoppeln, weil wir nie mit Geschäftsreiseverkehr zu tun hatten. Und der Flughafen Sylt ist der einzige Regionalflughafen in Deutschland, der ein innerdeutsches Netz hatte und immer noch hat, auf dem Urlaubsverkehr hin und her gegangen ist. Allerdings sind die Kapazitäten im Luftverkehr insgesamt deutlich geschrumpft. Auch wir werden also damit zu tun haben, dass nicht mehr so viele Flugzeuge fürs Fliegen zur Verfügung stehen werden. Die Flotten sind massiv kleiner geworden. Die Folgen müssen wir abwarten. Für unseren Flughafen gehe ich davon aus, dass wir im laufenden Jahr etwa das hinbekommen werden, was wir im Vorjahr hatten. Damit stehen wir schon besser da als die anderen Regionalflughäfen. Und in 2022 wird es eine weitere leichte Erholung geben. Wir werden wahrscheinlich im Jahr 2024 wieder die Zahlen aus dem Jahr 2019 erreichen.

Meine letzte Frage geht etwas ins Persönliche: Sie selbst und Ihre Familie durften jetzt 14 Monate lang nicht reisen. Wo zieht Sie es denn persönlich hin, wenn Sie wieder reisen dürfen?
Wir sind im Moment einfach nur froh, wenn wir ohne direkten Kontakt zum Virus durch die Krise kommen. Und dann machen wir uns ab 2022 vielleicht mal wieder Gedanken darum, ob und wo es hingeht. Im Moment ist das allen Ernstes kein Thema. Und zwischendurch nehme ich mir einfach mal die Zeit und fahre hoch zum Ellenbogen – und fühle mich dort wunderbar.

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