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Ein Gastbeitrag von Angela Kirschke

Nachts

Foto: Angela Kirschke Der Baum mit den Märzenbechern steht im Garten der Autorin in Südangeln. Das Foto nahm sie in diesem Februar auf.

Wie ein kleines Gremlinküken saß sie in ihrem Bett mit Milch und Keks auf einem kleinen Tablett vor sich. Ihre großen, fast kugelrunden arglosen Augen blickten nervös ängstlich vor sich hin. Draußen wurde es stockfinster. Sie sah aus ihrem Fenster auf die Bäume. Ein Lichtkegel näherte sich. Sie fürchtete sich so sehr im Dunkeln. Böse Erinnerungen stiegen in ihrem Kopf auf und machten sich in ihren inneren Bildern penetrant breit. Es gab Erlebnisse, an die sie niemals mehr denken wollte, aber gerade die scheußlichsten davon ließen sich nicht ins Vergessen schicken, sondern wucherten in ihrem Kopf und nahmen Raum in ihr ein, manchmal so sehr, dass sie immer schneller atmen musste und Panik sie erfasste, eiskalte undefinierbare Panik. Es kam nur immer nachts dieses Grauen und besonders dann, wenn sie allein war. Wenn nur ihre Mutter bald nach Hause käme, bevor die Gespenster, die Geister von früher aus der Zeit, da ihr altes Zuhause angegriffen worden war, sie mit ihrer Familie vertrieben worden war und einen unbeschreiblich langen Fluchtweg überstehen musste, sie doch noch zu fassen bekommen würden.
Vater und Bruder hatten es nicht geschafft. Mutter und sie waren übriggeblieben und jetzt an einem sicheren Ort in einem sicheren Land. Die eiskalte Gefahr, der sie ausgesetzt gewesen waren, war mitgekommen in ihre jetzige Sicherheit. Oft fühlte sich alles nur noch unüberwindbar schwer an. Da half es wenig, daran zu denken, wie gut es war, dass sie immerhin mit ihrem Leben davongekommen waren. Sie sehnte sich so sehr nach ihrer Mutter und noch mehr nach ihrem Vater und ihrem Bruder. Da tauchte wieder ein Lichtkegel vor ihrem Fenster auf, aber der Wagen, von dem das Licht ausging, fuhr vorbei. Es war ein fremder Wagen, nicht die Mutter.
Sie hielt es nicht mehr aus in ihrem Bett. Sie hasste die Dunkelheit, die ihre tiefsten bedrohlichsten Ängste heraufbeschwor. Eine Erinnerung stieg ihr ins Gedächtnis an den Moment, da bewaffnete Männer sie und ihre Familie mit vorgehaltenen Gewehren aus ihrer damaligen Wohnung zwangen, sie die Straße hinuntertrieben, aus ihrer kleinen Stadt heraus in die beginnende Nacht. Sie liefen, rannten, stolperten immer weiter, bis es plötzlich hinter ihnen hell wurde, wegen einschlagender Geschosse in ihrer Wohngegend. Danach lief sie mit der Mutter allein weiter.
Sie sah schon die Kreaturen, wie sie sich aus dem Schrank, der gegenüber ihrem Bett stand, lösten, mit Waffen im Anschlag, und auf sie zu schwebten, mit toten stechenden Augen in tiefen Höhlen. Ihr Herz raste. Die Milch schwappte ins Bett, als sie alle Kraft zusammennehmend nach dem Lichtschalter der Nachttischlampe tastete und sie es schaffte, die Lampe anzumachen. Da entrang sich ihrer pochenden Kehle ein tiefer Seufzer. Das Herz war ihr beinahe zersprungen. Seine Schläge waren zu einem Rasen kumuliert, und nun war da das kleine rettende Licht der Nachttischlampe.
Ihr Blick fiel auf den schnörkeligen Rahmen, der ein Zitat von Konfuzius umgab: „Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“
„…als die Dunkelheit mich fressen zu lassen.“ sinnierte sie, während sie aus dem Bett sprang. Sie ging zum Sofa, auf dem das Briefmarkenalbum ihres Bruders lag und blätterte darin. Die winzigen Briefmarken mit ihren Bildern und Jahreszahlen und Werten gaben ihr etwas Beruhigendes aus einer Zeit, als alles noch unbefangen leicht gewesen war.
„Wohin werde ich gehen“, fragte sie sich, oder sollte das alles immer so bleiben wie es jetzt war? Sie dachte an ihre Cousine, dieses wunderschöne anmutige Mädchen in dem roten Kleid, das sie vor langer Zeit gesehen hatte. Behutsam elegant trug sie damals einen Becher in der zarten Hand. Ihre großen braunen Augen, die zusammengesteckten dichten Haare, Emma war so eine Schönheit, und in dem Festkleid wirkte sie damals noch graziler, als sie es ohnehin schon war. Niemals würde Evangelina so ein bildschöner ebenmäßiger Mensch werden. Ob sie ihre Cousine wohl irgendwann wiedersehen würde?
Sie bekam wieder Sehnsucht nach ihrer Mutter, die immer noch nicht zurückgekehrt war. Wäre sie doch jetzt nur bei ihr, selbst wenn sie, wie so oft, als Superwoman nach außen hin, zu Hause in ihrem alten Sessel saß, den Kopf mit überdimensionierten Lockenwicklern bedeckt, die Füße im Fußschaumbad aufweichte, den Holzboden nass machte durch ihre ungeschickten Bewegungen, wenn sie sich die nächste Zigarette anzündete. Ein lustig tragisches Bild gab sie so ab. Mutter war dann nicht ansprechbar, wenn sie ihre Fußbadsessions zelebrierte.
Also war es eigentlich auch egal, ob sie zu Hause war, in ihrem Superwomandress im dampfenden Fußbad entspannend, oder ob sie gar nicht zu Hause war. Die Sehnsucht nach der Mutter war für Evangelina ein Strohhalm, ein Halt, den sie sich selbst noch nicht umfänglich geben konnte. Da war noch diese Sehnsucht, so zu werden, wie jemand, der toller war als sie, angstloser und tatkräftiger.
Die Tante Gerlinde fiel ihr ein. Sie war so ein bisschen verrucht. Völlig lässig hängte sie sich eine Zigarette in den Mundwinkel und schaute gelangweilt bis lasziv drein. Aber wollte sie so eine Verkörperung werden? So verrucht, gefährlich und spannend undurchschaubar wie die Tante auch daherkam, ganz überzeugt war Evangelina von ihr nicht.
Gedankenschwer wurde sie müde und ließ sich aufs Bett fallen, um direkt einzuschlafen. Im Traum erschien ihr eine uralte, runzelige, hexenartige Frau, vor der sie Angst bekam, so grausig sah ihr Äußeres aus. Die sagte, eindringlich flüsternd zu ihr: „Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt. Also mach dich auf deinen Weg.“
Als Evangelina erwachte, war die Sonne bereits aufgegangen. Sie hüpfte leichtfüßig aus ihrem Bett, stieg in ihre Gummistiefel, warf den Anorak über und lief in den Garten zu den Tieren. Der uralte Fjordpferdhengst frühstückte am Heuballen. Die Ziegen fraßen auch und kamen dem Hengst ziemlich nahe dabei. Er ließ sie gewähren. Sie waren ja alte Freunde, und Heu gab es zu viel, um Futterneid aufkommen zu lassen. Ein feiner Regenschauer glitt über die Tiere, nur um einen wunderschönen Regenbogen zu hinterlassen. Sie sah hinauf zu den Schäfchenwolken. Ihre Augen weiteten sich. Nur der Himmel sah, wie sich der Regenbogen in ihnen spiegelte.
Sie blickte hinüber zu dem alten knorrigen Baum mit dem bemoosten Stamm. An seinem Fuße wuchs ein üppiges Büschel strahlend weißer Märzenbecher. Der Gedanke an Vergänglichkeit durchfuhr sie. Ja, sie wollte alt werden und stark sein und ebenso jung und zart bleiben, so ganz, wie sie geschaffen worden war, nicht wie Tante Gerlinde oder Mutter oder Cousine Emma. Nein, nur sie selbst wollte sie sein und am liebsten draußen in der Natur.
Der junge Tag begrüßte mit Sonnenstrahlen die Wesen im Garten, die irgendwie alle zusammen gehörten unter dem alles umspannenden Himmel.


Geschrieben von: Angela Kirschke / veröffentlicht am: 03.04.2024
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