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Im Gespräch mit Ulrike Körbs

Mein Ansatz: Ganz klein anfangen

Foto: Heiko Wiegand Das Rathaus Westerland, Zentrum von Verwaltung und Selbstverwaltung in der Gemeinde Sylt. Hier treffen sich die Gemeindevertreter und die Mitglieder der Ausschüsse, um Entscheidungen für die Gemeinde zu beraten und zu beschließen.

Gemeinde Sylt. Sie macht sich Gedanken darüber, wie man Menschen dafür begeistern kann, sich in der Politik zu engagieren. Ob im Ortsbeirat, in der Gemeindevertretung oder in den Ausschüssen – Demokratie lebt vom Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Ulrike Körbs (56) ist auf der Insel politisch in vielerlei Hinsicht engagiert und hofft auf mehr Mitstreiter. Unsere Redaktionsmitglieder Nicole Lütke und Heiko Wiegand kamen in der vergangenen Woche mit der gebürtigen Rheinländerin ins Gespräch, die seit 26 Jahren auf Sylt lebt. Sie ist als ehrenamtliche gerichtliche Betreuerin und als Ehrenamtskoordinatorin für die Gemeinde Sylt tätig. Außerdem sitzt sie für die Insulaner in der Gemeindevertretung und ist Vorsitzende des Sozialausschusses. Ihr Geld verdient sie als Lebens- und Trauerrednerin.

Wie kann man Menschen wieder für Politik gewinnen?
Es ist so wichtig, insular zu denken. Wir haben fünf Gemeinden auf der Insel. Und gerade vor diesem Hintergrund habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, mit Menschen zu reden. Wenn man mit Menschen spricht, dann verschwimmen erstmal die Befindlichkeiten, wer in welcher Partei ist. Da geht‘s um die Themen.

Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie ehrenamtlich in der Kommunalpolitik?
Da kommen locker 15 Stunden zusammen. Und in den Sitzungswochen sind es auch gerne mal 40 Stunden. Wenn ich die Vorgespräche führe und die Tagesordnung stehen muss, kommt das schnell zusammen.
Das ist doch kaum zu schaffen, wenn man berufstätig ist und eine Familie hat…
…Es geht mir einfach drum, nicht nur zu meckern, sondern sich mit den Themen in der Kommunalpolitik auch mal zu befassen. Zum Beispiel auch mal Protokolle aus Ausschusssitzungen zu lesen.

Aber das sind ja oft schon sehr komplexe Themen, nehmen wir beispielsweise die Themen Straßenausbausatzung oder Interimshaushalt. Und da muss ich mir dann doch die Frage stellen: Habe ich überhaupt die Zeit, mich da reinzuarbeiten? Wie soll ich das neben der Familie und dem Job hinkriegen? Ist das nicht schwierig?
Was mir ganz wichtig ist: zu sein wie man ist. Authentisch sein. Nicht alles so bitter ernst sehen.

Aber wie würden Sie denn jemandem antworten, der sagt: Ja, ich habe schon Interesse, was zu machen in der Kommunalpolitik, aber ich bin 40 Stunden oder mehr pro Woche berufstätig, habe Familie – und deshalb in der Woche nicht mehr als drei, vier, fünf Stunden Zeit …
…Mein Ansatz ist immer: ganz klein anfangen. Sich erstmal schlau machen. Erstmal Mitglied einer Partei oder Wählergemeinschaft werden. Wir als Insulaner beispielsweise haben maximal eine Fraktionssitzung pro Monat. In den Sitzungen mal die Wege der Entscheidungen kennenlernen. Oder zum Beispiel im Ortsbeirat engagieren. Babygeschenke verteilen. Mal Glückwünsche Überbringen. Niemand erwartet, dass Du morgen im Finanzausschuss sitzt. Wo sind deine Fähigkeiten? Wo möchtest Du Dich einbringen? Was liegt Dir am Herzen? Alle Fraktionen sind offen, man kann an den öffentlichen Fraktionssitzungen teilnehmen. Auch die beiden Einwohnerfragestunden in den Ausschüssen nutzen, wenn mal was nicht klar ist.

Lassen wir die bei vielen Menschen fehlende Zeit mal außen vor. Gibt es denn noch weitere Klippen zwischen interessierten Bürgern und dem tatsächlichen Engagement in der Kommunalpolitik?
Ja, die gibt‘s. Viele junge Menschen gehen nicht in die Politik, weil sie da nur alte Männer sehen. Das schreckt schon ab. Einerseits das zu hohe Alter und zu wenig Kommunikation zwischen Politik und Bürgern. Wir müssen transparenter werden.

Wie meinen Sie das konkret?
Indem ich Gesicht zeige.

Muss es denn nicht Ziel der Sylter Politik sein, dass man die Verwaltungsstruktur auf der Insel endlich mal vereinfacht – und aus den fünf eigenständigen Gemeinden eine einzige wird, mit einem Bürgermeister, einer Gemeindevertretung und für jedes Thema einem Ausschuss? Wie viele Menschen leben denn tatsächlich noch dauerhaft auf Sylt? 13.000 oder 14.000? Und die leben dann in fünf Gemeinden, die sich nicht grün sind. Das ist doch 19. Jahrhundert, kein Außenstehender kann das verstehen.
Ja, das ist wirklich das Schwierige. Aber man muss es eben erklären. Nehmen Sie das Amtsmodell. Das versteht kein Mensch. Das interessiert die Leute auch nicht mehr. Man müsste das alles mal ein bisschen leichter verständlich machen.

Aber wäre es denn dann nicht viel einfacher, die Strukturen zu vereinfachen, statt die komplizierten zu erklären?
Die Strukturen hier schrecken tatsächlich ab, weil kaum jemand sie versteht. Viele Abläufe hier sind eingefahren. Aber ich kann eben nur was bewegen, wenn ich mit gutem Beispiel vorangehe.

Was könnte denn das Ehrenamt in der Kommunalpolitik noch ein Stück attraktiver machen? Gibt es vielleicht etwas, was das ehrenamtliche Engagement in der Kommunalpolitik attraktiver macht? Vielleicht eine Bahncard 100 im Jahr für die Mitglieder der Gemeindevertretung und der Ausschüsse?
Das Ehrenamt insgesamt solte stärker gewürdigt werden, nicht nur die Menschen in der Kommunalpolitik. Ich halte Lockmittel für nicht so gut. Man sollte etwas machen, weil man davon überzeugt ist.

Viele Bürger bemängeln ja die Entfernung zwischen Politikern und Bürgern. Was muss sich da ändern? Sprechen Sie in der Politik so abgehoben? Ist die Entfernung zwischen der Politik und den Bürgern größer geworden.
Das Gefühl der Entfernung schwindet, wenn man miteinander spricht. Wenn man sich als Bürger auch mal die Zeit nimmt, in einen Ausschuss zu kommen. Ich empfinde diese Entfernung zwischen Politik und Bürgern überhaupt nicht. Schließlich sind auch wir, die gewählten Kommunalpolitiker, Bürger. Und Bürger sprechen ständig miteinander.

Aber ist es nicht so, dass die Parteien alle vier Jahre mal einen Stand aufbauen und sonst hört man nichts von Ihnen? Die Distanz ist schon da!
Ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass mich die Menschen hier auf Sylt als ,die aus der Politik‘ bezeichnen.


Geschrieben von: Heiko Wiegand / veröffentlicht am: 24.01.2023
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