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Nur noch 35 Kilo – Frau völlig hilflos

Ihrem Schicksal überlassen

Foto: Nicole Lütke In der Obdachlosenunterkunft, für die die Gemeinde Sylt zuständig ist, lebte Frau A. unter widrigen Umständen. Die Verantwortlichen boten der bettlägerigen Frau keinerlei Unterstützung an.

Westerland. Sie begegnen mir am Bahnhof oder in der Fußgängerzone. Alte Menschen, die in Mülleimer greifen, um Pfandflaschen herauszufischen. Senioren, die sichtbar arm sind. Im Discounter reicht es nur für das Nötigste, meist ist es das Pfandgeld, mit dem ein paar Lebensmittel eingekauft werden können. Viele arme Menschen über 65 Jahre führen in Deutschland ein Schattendasein. Sie leben am Rande der Wohlstandsgesellschaft. Und viele von ihnen haben kein Dach über dem Kopf.
Wohnen ist ein Menschenrecht, doch in Deutschland steigt die Zahl der Menschen, die keine eigene Wohnung haben. Laut aktuellen Zahlen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales waren zum 31. Januar 2022 rund 263.000 Personen in Deutschland wohnungslos. 38.500 von ihnen sind obdachlos und leben auf der Straße.

Andere kommen entweder in Obdachlosenunterkünften unter oder privat bei Freunden oder Kollegen. Man nennt sie die verdeckt wohnungslosen Menschen oder „Sofaschläfer“.
Ein Drittel der Wohnungslosen ohne Unterkunft ist über 50 Jahre alt, sechs Prozent sind 65 Jahre oder älter. Bei den sogenannten verdeckt wohnungslosen Personen sind zwölf Prozent über 50 Jahre alt und zwei Prozent 65 Jahre oder älter.
Auch auf Sylt gibt es Menschen ohne ein Dach über dem Kopf. Ihre genaue Zahl ist unbekannt. Sie schlafen am Strand oder versuchen in der Bahnhofshalle zu übernachten. In der Menge der Touristen sind sie oft unauffällig. Warum diese Menschen obdachlos sind – unbekannt. Die Gründe für Wohnungslosigkeit sind sehr individuell und reichen von Schicksalsschlägen bis zur persönlichen Entscheidung, genau so leben zu wollen. Um sich mit Lebensmitteln zu versorgen, gehen einige von ihnen zur Sylter Tafel – wie Frau A.
Frau A. ist 75 Jahre alt, als sie das erste Mal 2005 zur Tafel gekommen ist. Die alte Frau ist obdachlos und lebt in der Unterkunft am Sjipwai 51.

Sie zahlt Miete und Strom für ihr kleines Zimmer im Erdgeschoss. Das Bad und die Küche teilt sie sich mit anderen Bewohnern. Die Verantwortung für die Obdachlosenunterkunft liegt bei der Gemeinde Sylt.
In den folgenden Jahren verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand. Sie stürzt und ist ab 2018 auf einen Rollator angewiesen. Die Strecke zur Tafel schafft sie nicht mehr. Ehrenamtliche der Tafel organisieren privat einen „Lieferdienst“. Sie fahren zweimal in der Woche in den Sjipwai und bringen Frau A. Lebensmittel, aber auch warmes Essen und Getränke. Helga Ahlborn und Georg Falkner gehören dazu. „Sie saß bei jedem Wetter draußen und hat auf uns gewartet“, erzählen sie. Die beiden beschreiben Frau A. als ungemein freundlich und interessiert am Leben auf der Insel.

Die Lebensbedingungen in der Unterkunft verschlechtern sich, als 2019 entschieden wird, die Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss abzuschließen – die einzige Möglichkeit für Frau A., sich Essen zu machen. Sie ist gezwungen, ihren Kaffee oder eine warme Suppe über ihrem Waschbecken in ihrem Zimmer zuzubereiten. Dörte Lindner-Schmidt, Vorsitzende der Tafel, hakt bei der Gemeinde nach. Die Mitarbeiter erklären, dass Frau A. die Küche im ersten Stock nutzen kann. Doch diese ist mit einem Rollator gar nicht erreichbar. A. habe kein Recht auf eine Nutzung der Küche im Erdgeschoss, weil sie sich nicht „in ihre Finanzen gucken lasse“, sagen die Mitarbeiter der Gemeinde. Die Helfer der Tafel bringen der Seniorin Möhren, Tomaten, Brötchen und Käse, damit sie überhaupt etwas zu essen hat. „Jeder im Haus wusste, dass sie sich nicht selbst versorgen kann“, sagt Helga Ahlborn. Doch Hilfe bleibt aus. Ein Mitbewohner kocht ab und an mal etwas Warmes für sie mit.

Im Oktober 2023 erleidet Frau A. einen Beckenbruch. Sie kommt in die Klinik, anschließend in die Geriatrie nach Husum. Im November kehrt sie in die Obdachlosenunterkunft zurück, was Dörte Lindner-Schmidt nur zufällig erfährt. Die Seniorin liegt hilflos in ihrem Bett, als Lindner-Schmidt sie besucht. Sie bringt ihr Wasser und Essen. Pastor Simon Ulrich wird hinzugezogen. „Von der Leitung der Obdachlosenunterkunft gab es keine Hilfe, keine Ansprache. Frau A. war völlig hilflos“, schüttelt Dörte Lindner-Schmidt den Kopf. Ein Arzt organisiert schließlich einen Platz im Pflegeheim. Zu diesem Zeitpunkt wiegt A. nur noch 35 Kilo. Ein lebensbedrohliches Untergewicht! Wäre die Situation so weitergelaufen, wäre die Seniorin sicher verstorben.
Die Erschütterung und Empörung über diesen Vorgang ist den Tafel-Mitarbeitern in jedem Satz anzumerken. „Es hätte schon vor einigen Jahren eine amtliche Betreuung und Begutachtung durch einen Amtsarzt erfolgen müssen“, sagen Brigitte Umbreit, Vorstandsmitglied der Tafel, und Dörte Lindner-Schmidt. Eine Kooperation verschiedener Träger mit entsprechenden Hilfsangeboten, um eine angemessene Versorgung und Unterbringung sicherzustellen, habe komplett gefehlt. „Es liegen klare Versäumnisse von Seiten der Verantwortlichen der Obdachlosenunterkunft vor“, betonen sie.

Der Fall wurde kürzlich im Sozialausschuss der Gemeinde öffentlich gemacht. „Die Mitglieder des Ausschusses waren sehr erschrocken und sprachlos.“ Den Tafel-Mitarbeitern geht es ausdrücklich nicht darum, explizit Personen an den Pranger zu stellen. Doch eine solche Situation soll sich auf keinen Fall wiederholen. „Wir sind optimistisch, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Die Beteiligten müssen besser hinschauen und sofort reagieren, wenn ein Mensch alt und hilflos unter solchen Bedingungen lebt. Da haben wir alle eine Verantwortung.“


Geschrieben von: Nicole Lütke / veröffentlicht am: 30.01.2024
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