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Bosses Großvater ruft zur Demonstration am Dienstag auf

Für sichere Geburtshilfe auf Sylt

Foto: hwi Bis zu ihrer Schließung am 1. Januar 2014 befand sich die Geburtenstation auf der Insel in der Asklepios Nordseeklinik in Westerland.

Von Peter Marnitz

Insel Sylt.
Der kleine Bosse „blüht, wächst und gedeiht“, das bestätigt seine stolze Großmutter. Doch dass der kleine Sylter, der Ende April das Licht der Welt erblickte, so gesund und munter seine Eltern auf Trab hält, ist ein einziger Glücksfall. Bosse kam auf einem Seenotrettungskreuzer im Hafen von Havneby zur Welt, ohne ärztliche Betreuung, als Geburtshelfer fungierten die DGzRS-Retter an Bord der Pidder Lyng. Dass es nur vom Glück abhing, dass Mutter und Kind die ungewöhnlichen Geburtsumstände unbeschadet überstanden haben, will der stolze Großvater Michael Müller nicht einfach hinnehmen. Unter dem Motto „Geburten gehören auf die Insel“ ruft er zu einer Demonstration auf, die am Dienstag, 4. Mai, ab 18 Uhr vor dem Rathaus in Westerland stattfinden soll.
Bosses Schicksal ist kein Einzelfall, immer wieder kommt der Sylter Nachwuchs schon frühzeitig auf dem Weg in eine Festlandsklinik zur Welt.

Grundsätzlich wird den Müttern empfohlen, sich rund 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin nahe der vorgesehenen Geburtsklinik aufzuhalten. Für die entsprechende Wartezeit stehen Boarding-Häuser zur Verfügung. Da sich bei Bosses Mutter die Wehen schon drei Wochen vor der Zeit einstellten, es auf der Insel ja keine Geburtsstation mehr gibt und kein Rettungshubschrauber flog, kam nur ein Notfall-Transport der Schwangeren mit dem Rettungskreuzer in Frage. Von Röm sollte es dann mit dem Krankenwagen nach Flensburg gehen.

Die Notfall-Fahrt der schwangeren Sylterin zur Geburtsstation nach Flensburg endete schon vorzeitig, Bosse wollte bereits auf schwankenden Planken das Licht der Welt erblicken. Im Hafen von Havneby war es dann soweit.

Bis zum 1. Januar 2014 waren solche „abenteuerlichen“ Geburten nicht an der Tagesordnung. Bis zu diesem Tag arbeitete in der Asklepios Nordseeklinik ein Kreißsaal-Team und half kleinen Sylterinnen und Syltern, mit voller medizinischer Versorgung auf die Welt zu kommen. Bevor die Station geschlossen wurde, hagelte es Proteste auf der Insel – vergeblich.
Mit an vorerster Front dabei war Lars Schmidt mit seiner Partei Zukunft. Petitionen, Protestveranstaltungen und Demonstrationen wurden von ihm mitorganisiert. Auch jetzt unterstützt er Bosses rührigen Großvater beim Protest vor dem Rathaus. An politischer Front engagierte sich 2013 auch der Sozialausschuss der Gemeinde mit seinem Vorsitzenden Eberhard Eberle (SPD), der sich auch heute wieder ganz aktuell mit dem Thema beschäftigt.

Wenn sich am Dienstag eine Protestversammlung auf der Rathaustreppe sammelt, wird auch der „Hausherr“ dabei sein. Bürgermeister Nikolas Häckel erkennt die Situation ebenfalls als dringendes Problem und ist in den letzten Tagen bereits aktiv geworden: „Ich habe schon einige Gespräche zum Beispiel mit der Nordseeklinik geführt, um eine Lösung zu entwickeln.“ Eigentlich habe die Gemeindeverwaltung keine direkte Handhabe auf die klinische Versorgung der Insel: „Aber mir geht es darum, zusammen mit der Politik eine Haltung zu zeigen und deutlich zu machen, dass die Situation geändert werden muss. Es darf einfach nicht sein, dass Mütter gezwungen sind, ihre Kinder in Rettungswagen, Hubschraubern oder Seenotrettungskreuzern zur Welt zu bringen. Es muss in so einem Fall eine klinische Notfallversorgung sichergestellt werden!“ Die Wiedereinrichtung einer ganz normalen Geburtsstation hält der Bürgermeister dagegen für eher unwahrscheinlich: „Bei der aktuellen Geburtenzahl auf der Insel hätte ein Geburtshilfe-Team zu wenig Praxis und hätte nicht so eine routinierte Sicherheit der Handgriffe.“

Lars Schmidt, den das Thema Geburtsstation auf Sylt seit der Schließung umtreibt, sieht eher die Kostenseite als Hindernis für eine Wiedergeburt der insularen Klinik-Geburtshilfe: „Schon 2013 wurde mit den Kosten argumentiert, damals war von einer Million Euro pro Jahr die Rede. Selbst wenn es heute das Doppelte kosten sollte, muss uns das die Sicherheit für werdende Mütter auf Sylt wert sein.“

Für den aktuellen Sozialausschuss-Vorsitzenden Eberhard Eberle und die SPD-Kreistagsabgeordnete Regine Scheuermann geht es wie Bürgermeister Häckel vordringlich erst einmal darum, den Eltern im Notfall auf der Insel klinische Hilfe anbieten zu können. In ihren Gremien wollen sie dafür kämpfen, dass Schwangerschaften auf der Insel nicht zum unkalkulierbaren Abenteuer werden. Regine Scheuermann: „Wir müssen grundsätzlich die Hebammen-Versorgung der Insel sicherstellen und eine zuverlässige NotVersorgung schaffen. Dafür setzte ich mich im Kreistag ein.“
Michael Müller, Bosses stolzer Großvater, hofft, dass möglichst viele Sylter an der Demonstration am Dienstag, 4. Mai, ab 18 Uhr vor dem Rathaus teilnehmen: „Ich möchte nicht, dass andere Mütter, Väter und Großeltern das erleben, was wir durchgemacht haben. Bei uns ist alles gutgegangen, aber das muss ja nicht immer so sein. Was passieren kann, wenn bei der Geburt unterwegs zum Krankenhaus auf dem Festland Komplikationen eintreten, möchte ich mir nicht vorstellen.“ Auch wenn es ihm und seinen Mitstreitern erst einmal um die Notfallversorgung geht, sähe er gern eine normale Geburtsstation auf Sylt.


Veröffentlicht am: 30.04.2021
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