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Kirchengemeinde setzt auf Nachhaltigkeit

Friedhöfe nicht zu Tode pflegen

Foto: Nicole Lütke

Westerland. Ein heißer Tag auf der Insel: Schon frühmorgens sind die Temperaturen hoch, die Sonne sticht. Auf dem Neuen Friedhof surren die Insekten zwischen Stauden und Blumen hin und her; die Vögel schmettern ihre Liedchen oder suchen sich ein schattiges Plätzchen in den Bäumen. Einige Besucher schlendern auf den Wegen, manche haben eine Gießkanne dabei.
Fast könnte man der Illusion erliegen, man sei in einem Stadtpark unterwegs, doch die Grabsteine und Kreuze zeigen: Hier ist die letzte Ruhestätte für Verstorbene.
Die Kirchengemeinde Westerland geht einen ganz eigenen Weg, wenn es um die Pflege und Gestaltung der Friedhofsflächen geht: mehr Nachhaltigkeit, mehr Artenschutz und naturnahe Gräber. Johannes Sprenger ist seit 2017 für die Friedhöfe der Kirchengemeinde in Westerland und Morsum zuständig. Seitdem hat sich einiges getan.

Das fünf Hektar große Areal beginnt sich von einem zentralen Ort für Trauer und Erinnerung an Verstorbene zu einer grünen Oase mit Erholungscharakter zu entwickeln.
Die Bestattungskultur hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert. Die Nachfrage nach traditionellen Gräbern nimmt ab, stattdessen nehmen Urnenbestattungen und naturnahe Gräber zu. „Urnenbeisetzungen machen rund 70 Prozent der Bestattungen aus“, erklärt Sprenger. Die Folge: Ganze Reihen auf dem Friedhof, die früher mit Särgen belegt waren, bleiben frei. „Grabpflege ist vielen Menschen zu aufwendig.“ Dazu kommt, dass sich viele Auswärtige auf Sylt bestatten lassen, die hier keine Angehörigen haben, die sich um die Pflege der Gräber kümmern können. Doch auch dieses Areal muss von den Friedhofsgärtnern gepflegt werden. Das verursacht Kosten, die von den Einnahmen nicht mehr gedeckt werden können.

2019 legte die Kirchengemeinde einen Staudengarten mit Urnengemeinschaftsgräbern an. „Diese haben den Vorteil, dass die Hinterbliebenen einen Ort haben, an dem sie sich an die Verstorbenen erinnern können. Und um die Grabpflege kümmern wir uns.“ Die Kosten für die Pflege sind bereits für 20 Jahre beglichen.

Auf einer 1000 Quadratmeter großen Fläche kann man schon bewundern, was sich auf dem Friedhof getan hat. Es wurden verschiedene Bäume gepflanzt, die mit den Veränderungen des Klimas besser zurechkommen als zum Beispiel die üblichen Nadelbäume. Dazu kommen Stauden und andere insektenfreundliche Wildblumen, die die Artenvielfalt fördern und neue Lebensräume schaffen. Die typischen Friedhofsblumen wie beispielsweise Eisbegonien im Sommer sucht man vergeblich.

Neben der Bepflanzung wurde auch die Düngung umgestellt: Anstatt chemischen Dünger zu verwenden, kommen jetzt Pferdeäpfel zum Einsatz. „Der Boden hier ist sehr trocken und es gibt nur wenige Bodenlebewesen. Der natürliche Dünger hat dafür gesorgt, dass sich die Qualität des Bodens enorm verbessert hat – wir finden sogar wieder Regenwürmer.“ Auf dem Friedhof in Westerland haben sogar Bienen eine neue Heimat gefunden – die „Friedhofsbienen“ stehen an einer Blumenwiese und fühlen sich an ihrem Standort pudelwohl. Wie kommt die nachhaltige Grünpflege bei den Besuchern an? Sprenger gibt zu, dass der Bewustseinswandel seine Zeit brauche. „Beispielsweise mähen wir auf dem Friedhof in Morsum im Mai den Rasen nicht. So können sich Blühpflanzen leichter ansiedeln und die Insekten finden mehr Nahrung. Das führte zu Kritik, dass die Flächen ungepflegt aussehen. Doch wir möchten den Friedhof nicht zu Tode pflegen.“ Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer oder Erinnerung an die Toten, sondern auch Orte des Lebens. Menschen treffen sich hier, halten ein Schwätzchen oder sitzen auf den Bänken, um das Wetter zu genießen. Sie machen eine Pause vom Alltagsstress und atmen in der grünen Oase durch. Das Leben blüht hier.


Geschrieben von: Nicole Lütke / veröffentlicht am: 10.08.2022
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