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Eine Annäherung an Menschen, die für Sylt unverzichtbar sind

Die Unsichtbaren

Foto: pixabay Auf Sylt leben Menschen, die trotz Arbeit oder zweier Einkommen nicht über die Runden kommen. Doch ihre Lebensumstände bleiben häufig unsichtbar.

Insel Sylt. Diese Menschen leben nicht in schicken Reetdachhäusern in Kampen oder Keitum, sondern in kleinen Ein- oder Zweizimmerwohnungen – zu viert oder fünft. Man sieht sie aus Ferienwohnungen huschen, mit Putzeimern und Mülltüten in den Händen. Sie shoppen nicht in teuren Boutiquen oder speisen in hochpreisigen Restaurants. Sie arbeiten oft in Restaurantküchen, schälen Gemüse oder waschen Geschirr. Die großen Limousinen, die sie polieren, gehören ihnen nicht. Ihre Welt ist nicht das mondäne Sylt.
Diese Geschichte handelt von den Menschen, die die Insel tagtäglich am Laufen halten, aber meist im Verborgenen arbeiten. Die zwei Einkommen verdienen, aber am Ende des Monats ihr Geld zusammenkratzen müssen. Einige gehen zur Tafel, andere schlagen sich so durch. Ihr Job ist häufig prekär, das heißt, sie verdienen nur einen geringen Lohn. Ob sie den Job im kommenden Monat noch haben – ungewiss. Für wichtige Anschaffungen bleibt kein Geld übrig. Über diese Menschen spricht man auf der Insel nicht gern, obwohl sie mitten unter uns leben. Ich nenne sie die Unsichtbaren.
Natürlich habe ich versucht, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, doch offen äußern wollte sich niemand. Zu groß die Angst, bedürftig zu erscheinen oder erkannt zu werden. So bleibt allenfalls eine Annäherung an die Unsichtbaren, in der Hoffnung, sie etwas ins Licht zu holen.

Ein Besuch beider Sylter Tafel
Das Stigma, zu den Armen der Insel zu gehören, wiegt besonders schwer. Denn es betrifft auch Menschen, die etwas mehr verdienen als Geringverdiener. In anderen Regionen würde ihnen vielleicht mehr Geld zum Leben bleiben, doch auf Sylt ist das anders. Hier sind die Lebenshaltungskosten sowie die Mieten hoch und reißen tiefe Löcher in die Portemonnaies. Wer zu wenig Geld für Lebensmittel hat, besucht die Tafel, die jeweils dienstags und donnerstags geöffnet ist.
Die Schlange vor der Tür ist lang, auch an diesem Vormittag. Man kennt sich. Zeit für ein Schwätzchen ist immer. Armut ist nicht immer gleich auffällig und sichtbar. Sie wird kaschiert. Das wissen auch die Mitarbeiter der Tafel. Man sieht Frauen mit gepflegten Looks und Männer, die Lebensmittel für die kranke Nachbarin holen, um nicht selbst als arm zu gelten. „Die Dunkelziffer der Bedürftigen ist viel höher, als man sich vorstellen kann. Ältere Menschen, aber auch Familien mit Kindern sind von Armut betroffen“, weiß Dörte Lindner-Schmidt, erste Vorsitzende des Vereins Sylter Tafel, anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Tafel zu berichten. Die Hemmschwelle ist hoch, nicht alle Bedürftigen können erreicht werden. Es gibt viel verstecktes Leben, sagt Lindner-Schmidt.
Beobachtet man die engagierten Ehrenamtlichen der Tafel, dann fallen vor allem die Ruhe und der Respekt gegenüber ihren Kunden auf. Sie fragen nicht, woher jemand kommt oder wie bedürftig der Mensch ist. Sie agieren freundlich und mit viel Feingefühl. Sie möchten einfach helfen. Die Tafel verbindet Menschen – und es sind die Begegnungen, die zählen.

„Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“
Der Schultag ist bereits zu Ende, auf dem Schulhof von St. Nicolai ist wieder Ruhe eingekehrt. Schulleiter Horst-Peter Feldt schiebt Papiere auf seinem Schreibtisch beiseite. Die Frage, wie die Unsichtbaren auf der Insel konkret leben, kann auch er nicht genau beantworten. Allerdings bekommt er durch seinen Job immer mal wieder Einblicke in die Lebensverhältnisse einiger seiner Schüler. „Es gibt Menschen, die auf Sylt quasi zwischen den Stühlen sitzen. Sie haben zwar gewisse Einkünfte, aber im Grunde bleibt ihnen nicht viel Geld übrig, weil die Lebenshaltungskosten und die Mieten so hoch sind“, sagt Feldt. Manche leben in sehr beengten Wohnverhältnissen – zwei Erwachsene, drei Kinder in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Bei einigen Kindern fehlt es an Winterschuhen, bei anderen fehlen passende Kleidung oder ein Schulranzen.
„Wir sehen auch nur die Spitze des Eisbergs. Aber in Gesprächen mit Kindern und Eltern kommen manche Belastungen dann doch ans Licht.“ Die Schule versucht, den Familien unbürokratisch Hilfe zukommen zu lassen, beispielsweise durch den Förderverein. Horst-Peter Feldt fehlt es vor allem an bezahlbaren Freizeitangeboten, die auch Kinder aus sozial schwächeren Familien nutzen können. „Fünf Euro mal eben so nebenbei auszugeben, ist für einige Familien schon schwierig“, weiß Feldt. Die Schule ermöglicht zum Beispiel den Besuch kultureller Veranstaltungen wie Kino oder Musical. Das Angebot der Bibliothek ist für die Schüler kostenlos nutzbar, sodass auch Kinder aus Familien mit schmalem Geldbeutel die Möglichkeit haben, sich die Welt der Bücher zu erschließen.
Ich frage mich: Wie kommt es, dass gerade die Unsichtbaren, die für diese Insel unverzichtbar sind, schlechter bezahlt werden als andere Menschen? Warum sind ihre Arbeiten gesellschaftlich weniger anerkannt? Sind uns diese Menschen und ihre Arbeit weniger wert? – Ich weiß darauf keine Antwort.


Geschrieben von: Nicole Lütke / veröffentlicht am: 26.12.2023
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